Wo klingt Heimat, wenn Weihnachten naht?
Vielleicht im Orgelspiel des Eingangsliedes „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ im Abendgottesdienst am Heiligen Abend. Oder in den feierlichen Chorälen wie Rheinbergers „Puer natus in Bethlehem“ und in der Hymne an die Nacht, nach Beethoven: „Heil`ge Nacht, o gieße du“, sowie im altbekannten Weihnachtslied: „Stille Nacht„, die um Mittenacht vom Glockenturm erklangen, als die Adjuvanten ihre Blechinstrumente erhoben.
Ich erzähle bewusst in der Gegenwartsform, weil Heimat nicht nur ein Wort ist. Sie ist ein Teil des Lebens – spürbar im Moment und gelebtem Brauchtum.
Wie in jeder siebenbürgischen Ortschaft bereitet sich auch Hundertbücheln auf den bevorstehenden Heiligen Abend vor. Doch bevor das Licht von Weihnachten erstrahlt, liegt eine stille Zeit des Übergangs vor uns – der November. Mit dem Ewigkeitssonntag endet das Kirchenjahr – eine Zeit des Gedenkens und der Dankbarkeit. Und mit dem ersten Advent beginnt die Vorfreude auf das neue Kirchenjahr und wird somit auch in Hundertbücheln auf das bevorstehende Weihnachtsfest – die Geburt Christi – eingeläutet.
Draußen knistert der Schnee vor Kälte, drinnen freuen sich Groß und Klein erwartungsvoll auf die Vorbereitungen. Frau Frieda Martini, eine 83-jährige Hundertbüchlerin, erzählt mir, dass sie in ihrer Kindheit Gedichte und Lieder in der Schule für den Heiligen Abend einstudierten. Auch kleinere Theaterstücke wurden in der Adventszeit geprobt, um die Vorfreude nicht nur auf den Heilig Abend zu begrenzen, sondern sie ins neue Jahr hineinzutragen. Später dann, mit Pfarrer Hannes Kasper im Religionsunterricht, wurden Lieder und Gedichte gesungen, geprobt und abwechselnd auch das Krippenspiel einstudiert, um nicht nur Wissen, sondern auch Glauben und Gemeinschaft zu vermitteln.
Der Duft von Hanklich, dem warmen Hefegebäck, der durch die Stuben und Gassen zieht, wie ein versprochenes Willkommen – erst wenn er da ist, beginnt Weihnachten wirklich. Daneben duften auf einem Teller selbstgemachte Bratwurst, Meerrettich und Rote Bete. Nicht zu vergessen die verzierten Kekse, teils als Schmuck für den Christbaum gedacht. Köstlichkeiten, die Hände und Herzen gleichermaßen wärmten. Für die Erwachsenen steht ein Gläschen Schnaps bereit, für die Kinder der Holunder- oder Johannisbeersaft und auf dem Tisch glänzen die liebevoll verzierten Kekse. Alles wartet geduldig auf seinen Auftritt.
Dann ist er da, der Heilige Abend (Chräst Nuecht in Hunderbücheln). Die große Glocke der Kirche lädt in der Abenddämmerung alle zum heiligen Christfest ein. Laternen- und Kerzenlichter säumen die Wege. Ihr warmes Flackern ist der Stern über Bethlehem in unserer kleinen Welt. Die Dorfgemeinschaft versammelt sich zum Gottesdienst. Kerzen werden am Christbaum von den Kirchenvätern entzündet – alles ist für das bevorstehende Fest bereit. Die Weihnachtsgeschichte und die Predigt erklingen. Während die Kinder mit Gesang und Gedichten strahlen, heißt es: „Jetzt ist Weihnachten da!“
Die Geschenke sind bescheiden: Bleistifte, Schulhefte, ein Taschentuch, zwei Äpfel aus dem Pfarrgarten, Nüsse, ein paar Süßigkeiten und – nicht zu vergessen – der selbstgebackene Weihnachtsmann aus Lebkuchenteig.
Nach dem Gottesdienst werden zu Hause die Kerzen am Weihnachtsbaum entzündet, Weihnachtslieder gesungen und der Weihnachtsmann (Chrästmain) bringt Geschenke für die Braven und Ruten für die Bösen. Man sitzt beieinander bis Mitternacht, bis die Kirchenglocken erklingen und die Adjuvanten ihre Instrumente erheben. Dann tönt über den Dächern von Hundertbücheln der alte Choral „Puer natus in Bethlehem„. Ein Kind ist uns geboren – diese Botschaft schwebt wie ein Segensruf über das Harbachtal. Die Töne verweben sich mit dem Klang der Kirchenglocken und schallen weit in die Winternacht hinaus – dorthin wo Erinnerung und Gegenwart sich begegnen.
So klingt Heimat!
Wer heute, fern der alten Hundertbüchler Gassen, in der St. Sebaldus-Kirche in Nürnberg sitzt, der mag in den Klängen des Kinder- und Posaunenchors etwas von diesen alten Tönen wiederfinden. Wenn hier zur Feier des zweiten Advents „Stille Nacht“ ertönt, scheint es, als würde der Segen von Hundertbücheln hier mitschwingen – als Antwort auf die Lieder, die einst über das Harbachtal zogen.
Melodien – getragen durch Zeit und Raum, von „Puer natus in Bethlehem“ bis hin zu „Stille Nacht, heilige Nacht,…„, vom Glockenturm der alten Heimat bis zu den Gewölben der St. Sebaldus-Kirche
– die Herzen und Himmel verbinden.
Ein leises Amen im Herzen und die Gewissheit, dass das Brauchtum der Heimat überall erklingen kann, wo Liebe und Erinnerung wohnen.
Die HOG Hundertbücheln wünscht gesegnete Weihnachten!
Text: Adele Martini, Fürth
Mitwirkende: Rosina Wayand, Frieda Martini, Renate Wellmann, Adele Martini
Nürnberg, im Dezember 2025
